Coyoacán

Ich kriege das immer wieder hin, mich in Lateinamerika zu erkälten. Was tun? Ich gehe jetzt erst mal frühstücken und sehe dann weiter. Vielleicht schaffe ich einen Spaziergang nach San Ángel oder ins Casa Azul, das Frida Kahlo Museum nach Coyoacán.Wenn ja, dann tausche ich das Bild aus – ich schwöre es!

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Ok. Ich habe meinen Schwur gebrochen, das Foto bleibt. Man darf ruhig mal sehen wie ich aussehe in einem solchen “Arbeitsurlaub”.

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Also meine Liebe zu Land und Leuten in Ehren, aber was das Frühstück betrifft … brrrrr … was ist das? Wildschwein in Schokoladensauce? Jedenfalls scheint die Ernährung hier eine gewisse Vergesslichkeit zu bewirken. Der Ober fragt mich jedenfalls 4x nach der Zimmernummer; die ich ihm nicht etwas sage, sondern zeige; bis er mit einem geschriebenen Blatt mit einer 321 zurück kommt und sich die Richtigkeit nochmals bestätigen lässt. Anschliessend fragt er: Jugo de Naranjas? Ich antworte: Si! Er verschwindet eifrig und ward nie wieder gesehen.

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Auf dem Weg nach Coyoacán arbeitet ein Strassenkünstler, der seinem Namen in jeder Hinsicht gerecht wird. Ich werde einen kleinen Film darüber ins Internet stellen (und zwar hier).

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Ein Stück weiter steht ein richtiges Auto. Ich habe im Flugzeug eine Ford Mustang Werbung gesehen: Si tu auto parece de juguete, es de juguete. Das bedeutet so etwa: Wenn Dein Auto wie Spielzeug aussieht, dann ist es Spielzeug. Angepriesen wird ein V8 Motor mit 4.6 Litern Hubraum, der angeblich 315 Pferdepotenzen auf die Strasse bringt (ja, so heisst das hier treffend). Weitere USPs (unique selling points) dieses Automobils sind Nuevos rines de alominio de 18” (neue 18-Zoll Alufelgen – wow, neue Felgen!), Luces traceras secuenciales iluminadas con LED (keine Ahnung was das bedeutet, es klingt nach Licht) und schliesslich Controles de audio y velocidad al volante (yeah! Endlich hat man zum Cumbiastampfen die Füsse frei). Ob Ford je den Ka in Mexico beworben hat?

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Im Parque Allende fallen die Commons etwas dürftig aus. Jedenfalls ist es unbequem auf diesen Bänken zu sitzen. Das wäre doch eine Idee für die Deutsche Bahn, damit die Fahrgäste nicht immer so unflätig im Bahnhof herumlungern.

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Den gleich gegenüber liegenden Markt von Coyoacán hätte ich fast übersehen, so klein und gut getarnt sind seine Eingänge. Drinnen wimmelt es von Leuten und von Garküchen mit den tollsten Leckereien, aber mir ist seit dem Frühstück nicht mehr nach Essen.

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Ich beobachte einen Gärtner, den Bäume schneidet – Ficus benjamina! Die gleiche Art wie das abgeranzte Kraut in meinem Blumentopf. Ich wusste gar nicht, dass sowas so groß werden kann. Im Freien sehen die Bäume gar nicht schlecht aus.

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Plötzlich stehe ich vor dem Casa Azul der Frida Kahlo, von der ich, das muss ich zugeben, vor meinen Reisen nach Mexico nie gehört hatte. Ich bezahle die 50 Pesos Eintritt, höre mir eine Predigt an, dass Fotografieren nur im Park, nicht aber in den Räumen erlaubt sei (wieso eigentlich – im Museumsladen gibt es nichts Vernünftiges zu kaufen) und bin ansonsten schon ziemlich beeindruckt. Warum portraitierte sie andauernd Stalin?

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Plötzlich fällt mir Trotzki wieder ein. Ich verlasse das Haus der Kahlo und gehe durch ein seltsames Viertel voller Maschinenpistoleros, Videoüberwachungskameras und Satellitenantennen (überwacht die CIA hier Trotzki immer noch?) zu seinem Haus an der Ecke Viena/Morelos.

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Im Reiseführer steht, das festungsähnliche Haus sei düster, aber für entpuppt es sich, nachdem ich endlich den Eingang gefunden habe, als sehr eindrucksvoll. Ich bezahle 35 Pesos und nochmals 15, damit ich rein und fotografieren darf.

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Trotzki muss ein sehr charismatischer Mann gewesen sein. Kein Wunder, dass Stalin ihn mit einem Eispickel erschlagen liess.

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Mir war gar nicht klar, dass es mehrere Anschläge auf ihn gab. Warum wurde die Geschichte seines Todes eigentlich nie verfilmt?

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An diesem Schreibtisch hat er bis zu seinem Tode gearbeitet – mindestens 10 Stunden pro Tag. Das Schlafzimmer war mit kugensicheren Türen und Fensterläden aus schweren Eisenplatten gesichert.

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Hier badete sich Trotzki. Mit einer Pistole auf dem Stuhl?

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Dort steht noch das Parfum seiner Frau Natalja und ein Stück weiter links seine Colgate Zahnpasta.

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Und hier sass er und dachte nach … oder nicht? Das Haus soll ihm übrigens seine “zeitweilige Geliebte” Frida Kahlo geschenkt haben. Ein bemerkenswerter Ort.

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Plötzlich wird mir klar, dass er bis heute hier liegt. Ich trage sei meiner Kindheit Trotzkis Bücher mit mir rum. Gelesen habe ich sie nie. Hier frage ich mich plötzlich “warum?”.

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Stalin, der Schlächter, bleibt allein zurück. Die Ausstellung ist bedrückend.

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Ich verlasse das Museum und gehe nachdenklich zurück zum Hotel. Unterwegs versperrt eine Menschenmenge unter Zeltplanen den Weg – Indios, die mit Bussen angereist sind. Ich bin der Einzige, der unter den Planen den Kopf einziehen muss.

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Es riecht nach Schweiss und Urin. Ein Mann ruft ins Megaphon: El Pueblo unido, jamás será vencido! Plötzlich versteehe ich den Text. Es heisst nicht “wird siegen” sondern “wird nie besiegt”. Jahrelange Irrtümer (ich habe seit Jahrzehnten nie darüber nachgedacht) lösen sich auf. Als ich ein Bild machen will, joggt ein Mann vor’s Objektiv. Er entschuldigt sich lachend und joggt weiter.

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Kurz bevor ich mein gemütliches Sterilzuhause erreiche, staune ich über diesen Laden. Der Mann macht den ganzen Tag nichts anderes als Hühner zu zerkleinern.

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Ich habe starke Kopfschmerzen und werde versuchen etwas zu schlafen.

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Genug geschlafen! Kann man sich eigentlich selbst unter der Dusche fotografieren? Ich habe Hunger, auch wenn ich nicht so aussehe, als sei es nötig heute noch etwas zu essen.

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Yeah! Ich habe ein Riesensteak gegessen, gesund mit 50 g Gemüse, und sitze jetzt wieder in meinem Zimmer und bloge. Es reicht jetzt aber. Gute Nacht.

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