Teotihuacan

Sonnenaufgang am Sonntag? Ich muss mich zum Frühstück sputen. Heute werde ich die Pyramiden von Teotihuacan besuchen. Ich erzähle später davon – vom Frühstück und den Pyramiden.

Das Frühstück lies zu wünschen übrig. Schade. Ich entscheide das Trinkgeld beim ersten Wort. Heute schwallt mich der Kellner auf Maschinengewehrspanisch zu. “Tut mir leid, ich verstehe kein Wort”. Er sieht mich stirnrunzelnd an und schreitet von hinnen. Fünf Minuten später beauftragt er (sehr unauffällig natürlich) einen älteren Kollegen, der mit kritischem Blick näher tritt.

“Your room number, Sir?” Verloren! Es heisst “Buenas dias, Senor, Café?” – oder “Good morning, Sir. Coffee?” So sind wir halt, wir GÄste. Unnachsichtig und leicht beleidigt, besonders kurz nach Sonnenaufgang. Vielleicht liegt es auch an der Uhrzeit, dass mir nichts richtig schmecken will. Kaktusfrüchte mit furchtbar vielen Kernen, Melone – mehlig, die andere Melone – unreif, Ananas – schlecht geschält mit braunen Augen und als Höhepunkt Apfelyogurt – ich reagiere allergisch auf Äpfel, mit Verdauungsstörungen. Seufz. Wenigstens gibt es trockene Tamales mit fettig gebratenem Schweinskopf dazu. Und lauwarmen Kaffee, wobei der Kellner meine Frage nach “Leche caldo” mit dem Hinweis auf die CoffeeMate-Päckchen auf dem Tisch quittiert. Das wunderbare Wetter überzeugt mich aber ein Foto aus dem hinteren Hotelfenster zu machen. Ich freue mich auf den Ausflug. Um 9 Uhr sind wir verabredet. Ich bin gespannt wann 9 Uhr ist – um 10? Um 11? Oh, das haben wir ganz vergessen? Ich rechne mit allem … ich bin sehr ungerecht heute.

Ich habe ein ziemlich schlechtes Gewissen. Meine beiden charmanten Begleiterinnen Ivonne und Rosa sind nämlich pünklich wie die Schweizer. Wir besteigen einen blitzweissen und nagelneuen Nissan Geländewagen und rasen im Morgenlicht durch die Metropole, die im Vergleich zu Werktagen fast ausgestorben scheint. Die Stadtteile im Norden erinnern auf den ersten Blick etwas an die Favelas von Rio, was vermutlich an den steilen Straßen und der teilweise atemberaubenden Hanglage liegt. Bei genauerer Betrachtung sind dies zwar arme, im Gegensatz zu den Favelas aber ganz normale Stadtviertel.

Plötzlich sind wir da. Freundliche Polizisten weisen uns in den richtigen Parkplatz ein, wo die Azteken schon massenhaft mit ihren orginalaztekischen Kunstschätzen auf uns warten. Darunter auch die typisch aztekischen Kultelefanten, reich mit Edelsteinen gespickt.

Nein, nein, ich lache nicht. Für heute habe ich mich mit meinen Gehässigkeiten ausreichend blamiert. Statt dessen steigen wir im Lindwurm der Touristen auf die Spitze der Sonnenpyramide, was anstrengender ist als man glaubt.

Die Aussicht von oben ist unspektakulär, aber wundenschön. Teotihuacan ist Nahuatl und bedeutet “Ort, wo der Mensch zu Gott wird”.

Gütiger Gott, gell?

Oben auf der Pyramidenspitze stecken die modernen Jünger der Aztekenkultur ihren Finger in ein Loch um Energie zu tanken. Andere tanzen in weißen Gewändern in Schlangenlinien um die Pyramide herum und lächeln verzückt.

Auf dem Weg zur Mondpyramide dann noch ein Aztekenhund für Gina …

… und im Pyramidenmuseum ein paar gruselige Geister für Nick …

… bis es endlich in einem hübschen Aztekenrestaurant etwas zu essen gibt.

Auf dem Rückweg erfahre ich, dass die Früchte der Feigenkakteen, die ich morgens zum Frühstück verspeise, Tuna heissen und kein Fisch sind! Es gehört sich so, dass man an den Kernen fast erstickt. Es gibt eine knallrote Form davon, von denen Ivonne mir eine Tüte kauft. Sie heissen anders, aber ich habe vergessen wie. Man bekommt beim Essen rote Finger und vom Pulquetrinken eine rote Nase. Ich probiere einen Mangopulque, der sehr gut schmeckt, aber eine schleimige Konsistenz hat, die man lieben lernen muss wie Weinbergschnecken.

Schließlich setzen mich meine Aztecas am Anthropologischen Museum ab, besorgt ob ich wohl nach hause finde. Das Museum verdient seine eigene Geschichte und der Heimweg war spannend, aber problemlos.

Nur die letzten 100 Meter schüttet es in Strömen.

Und dann ist Nacht. Jetzt suche ich mir noch ein Bier und schlafe.

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