Lernen wie ein Virus zu denken!

Unterwegs über Haiti

COVID19 macht Angst. Und Angst ist ansteckend, genau wie COVID-19. Auch mich hat sie angesteckt. Ich war auf Dienstreise in Perú, wo ich einen Fachkongress für Wissenschaftler besuchen wollte.

Die Mündung des Panama-Kanals in der Pazifischen Ozean

Plötzlich überschlugen sich die Ereignisse. Freitags wurde der Kongress abgesagt und die peruanische Regierung ordnete an, die Universitäten des Landes zu schließen. Ab Montag würden die Grenzen für Reisende aus Europa geschlossen. Ich saß gerade beim Frühstück und spielte noch süffisant mit dem Gedanken, mich einfach in Perú einschließen zu lassen und so einen bezahlten Zwangsurlaub zu genießen, als Szenen von Hamsterkäufen in den Supermärkten der Hauptstadt Lima im Fernsehen gezeigt wurden. Plötzlich kippte die Stimmung. Die Menschen waren mit Angst infiziert, noch bevor das Virus wirklich im Land auftauchte. Jeder Taxifahrer wollte nun von mir wissen, was ich über Corona dachte. Einer bat mich, meine Worte aufnehmen zu dürfen, um sie später in Ruhe mit seiner Familie anzuhören und verstehen zu können. Erste Leute mit Mundschutz tauchten auf, obwohl es in Perú nur knapp 10 Fälle gab. Mich ergriff ein mulmiges Gefühl und vier Stunden später hatte ich meinen Flug umgebucht, die Koffer gepackt und saß im Taxi zum Flughafen.

Anzeigetafel im Panama City Airport

Die Angst hatte auch mich angesteckt, obwohl ich kein Laie bin. Zwar bin ich weder Arzt noch Virologe, aber ich habe lang in biologischen Laboren geforscht und mich mit dem Problem von Infektionen auseinandergesetzt. Es gibt in solchen Laboren spezielle Arbeitsplätze, an denen man keimfrei arbeiten kann. Der Wissenschaftler ist durch eine Glasscheibe von seinem Experiment getrennt. Es bleibt nur ein schmaler Spalt für die Hände frei. Unablässig wird ein Überdruck keimfreier Luft in der Experimentierkammer aufrechterhalten, damit stets Luft ausströmt, aber niemals ungefilterte Luft in den Kasten eindringen kann. Über Nacht wird das UV-Licht eingeschaltet, um Keime abzutöten.

Mein Weg zur Arbeit durch die Straßen von San Martin de Porres

Man trägt zur Arbeit einen sauberen Labormantel, Handschuhe und einen Mundschutz, um die Zellkulturen vor Keimen zu schützen, die man unvermeidlich mit sich bringt. Die Handschuhe werden mit Desinfektionsmittel eingerieben und die Arbeitsfläche mit Alkohol eingesprüht. Dann öffnet man mit kontrollierten Bewegungen Kulturschalen und Flaschen mit frischer roter Nährlösung. Bereits keimfrei verpackte Werkzeuge werden nochmals kurz über einem Gasbrenner abgeflammt, bevor sie mit den Nährlösungen in Kontakt kommen. Nichts bleibt also unversucht, um Infektionen zu vermeiden, die ein aufwändiges Experiment ruinieren. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass man am nächsten Tag Kulturschalen vorfindet, in der die Nährlösung gelb statt rot ist – ein untrügliches Zeichen dafür, dass Infektionskeime alle Vorsichtsmaßnahmen überwunden haben. Tatsächlich ist es nahezu unmöglich dies völlig auszuschließen. Wo das aber erforderlich ist – zum Beispiel in Hochsicherheitslaboren, die mit Ebola, Maul- und Klauenseuche oder anderen extrem gefährlichen Keimen arbeiten, dort ist der Aufwand ungleich größer und mit hohen Kosten verbunden. Mir kommen Bilder von Ebola-Ausbrüchen in den Sinn, bei denen die Hilfskräfte in ihren Schutzanzügen wirken, wie Raumfahrer von einem anderen Stern.

Das Fenster meiner Unterkunft in Lima

Inzwischen habe ich Bogotá in Kolumbien erreicht und wegen eines gewaltigen Gewitters den Anschluss auf meinen Rückflug nach Deutschland verpasst. Um einreisen zu dürfen stehe ich stundenlang in einer Warteschlange, bis mein Pass gestempelt und meine Körpertemperatur von einem dick vermummten Arzt gemessen ist. Viele Passagiere tragen jetzt Mundschutz und überall stehen Warnschilder vor Corona-Viren. Die Zimmermädchen im Hotel tragen Mundschutz und auf ihren Putzwagen stehen große Flaschen Desinfektionsmittel. Ich beschließe, Bogotás berühmtes Goldmuseum zu besuchen, um wenigstens die Inkakunst zu bestaunen, wenn ich schon hier warten muss. Auch dieser Taxifahrer fragt mich zu Corona aus, will aber, dass ich vorne sitze und nicht hinten. Noch ist die Angst ausgeraubt zu werden größer, als die Angst vor dem Virus. Es gibt an diesem Tag acht registrierte Fälle in Kolumbien, aber das Museo del Oro ist wegen der Pandemie geschlossen. Am nächsten Tag erwische ich einen Flug nach Frankfurt. In Bogotá ist der Check-In chaotisch. Ein großes Gedränge. Überall warten Menschen stundenlang auf ihren Heimflug. Im Flieger bin ich umringt von Passagieren mit Mundschutz, die sich gegenseitig vom überhasteten Abbruch ihrer Reisen erzählen und noch nie habe ich den Wasserhahn in der Flugzeugtoilette mit so spitzen Fingern angefasst. In Frankfurt ist der Flughafen menschenleer. Im Büro der Autovermietung bin ich der einzige Kunde. Mit dem Zug zu fahren wage ich nicht.

Den Appetit sollte man nicht verlieren – auf ein Ceviche im Cumbremar in Miraflores

Nun bin ich seit zwei Wochen zuhause und betrachte den Marktplatz von Neudenau durch mein Bürofenster. Draußen warten die Leute rund um den Marktplatz in respektvollem Abstand zueinander, dass sie beim Gemüsehändler an der Reihe sind. Man macht von Weitem Scherze und ein Gastwirt spendiert ein Tablett mit Gläsern von Bärwurz Likör, um den Wartenden die Zeit zu Versüßen. Eine liebenswürdige Geste, wie ich finde, aber ich ertappe mich bei besorgten Gedanken über Infektionsrisiken. Der Bäcker hat Plexiglas-Barrieren zum Schutz seiner Verkäuferinnen aufgebaut und der Kurier, der meine Online-Bestellung anliefert, lässt mich das Päckchen mit meinem eigenen Kuli unterschreiben und fotografiert die Unterschrift von Weitem. Beim Spaziergang im Wald trifft man nun auch werktags viele Menschen, die sich misstrauisch wirkend aus dem Weg gehen. Meine Mutter wurde von meiner Schwester, die ihre 50. Geburtstagsfeier abgesagt hat, aufs Land evakuiert. Ich habe mir Besuchsverbot auferlegt. Mir fehlt frisches Gemüse und ich beschließe, nach zwei Wochen zum ersten Mal wieder in den Supermarkt zu fahren. Was ich dort erlebe, rüttelt mich wach. Mein Hirn beginnt wieder zu denken.

Lima – der Strand von Miraflores (Schau die Blumen)

Am Eingang des Supermarkts wurden Barrieren aufgebaut, damit sich die ankommenden Kunden und jene mit den bereits prall mit Klopapier gefüllten Einkaufswagen nicht gegenseitig berühren. Ich habe meinen Einkaufskorb mitgebracht, damit ich keinen Wagen anfassen muss. An der Türe steht ein Security-Mann ohne Mundschutz, aber mit imposanter “Mir-macht-so-ein-kleines-Virus-keine-Angst-Miene” und weist mich höflich, aber bestimmt zurück. Ohne Einkaufswagen kein Zutritt! Die Wagen seien abgezählt und mehr als 100 Kunden dürfen den Laden nicht gleichzeitig betreten.

Straßenhändler mit Mundschutz auf der Plaza de Bolívar in Bogotá

Im Inneren des Supermarkts geht es chaotisch zu. Die Menschen versuchen Nähe zu meiden und rempeln dabei versehentlich andere hinter sich an. Die Angestellten füllen ebenfalls ohne Mundschutz die Regale auf, wobei sie sich angeregt unterhalten und dabei munter Speicheltröpfchen und potentiell infektiöse Aerosole im Raum und auf den Produkten versprühen. Das Klopapierregal ist leer. An der Kasse hat sich die Kassiererin hinter einer Plexiglasscheibe verschanzt und trägt Gummihandschuhe. Mit diesen will sie sich schützen. Wovor weiß ich nicht. Man wird nicht durch die Haut infiziert.

Straßenhändler in Bogotá

Beim Betrachten dieser Gummihandschuhe fällt mir die Arbeit im Labor wieder ein und mit einmal wird mir klar, dass man umdenken muss. Man muss die Infektion so betrachten, wie beim Arbeiten im Labor:

Ich bin die Infektionsquelle und muss darauf achten, das von mir ausgehende Risiko zu minimieren!

Der Virologe Christian Drosten formulierte dies in einem Interview so: “Ich schütze den anderen gegen meine, möglicherweise noch gar nicht ausgebrochene Infektion”.

Der Autor spiegelt sich in der Eingangstür des Museo del Oro in Bogotá

Alles andere macht keinen Sinn. Es gibt keine Möglichkeit, sich selbst absolut sicher vor einer Infektion zu schützen, es sei denn, man bestellt bei der NASA einen Astronautenanzug und trägt diesen Tag und Nacht, bis das Virus nicht mehr existiert. Das erscheint mir aber nicht nur unmöglich, sondern auch unnötig, denn SARS-CoV-2 ist nicht der Ebola-Erreger. Das Risiko, das von COVID-19 ausgeht, ist nicht die Schwere dieser Erkrankung, auch wenn man diese keinesfalls unterschätzen sollte. Eine Corona-Infektion ist aber kein Todesurteil, solange man notfalls in einem guten Krankenhaus behandelt werden kann. Gefährliche Infektionskrankheiten gab es schon immer. An Lebensmittelinfektionen, Cholera, Masern und Malaria versterben jährlich mehr als 1 Million Menschen.

Likör auf dem Marktplatz von Neudenau

Die von COVID-19 ausgehende Gefahr ist eine andere! Sie liegt in der Kombination ihrer explosionsartigen Ausbreitungsgeschwindigkeit mit einem häufig schwer verlaufenden Krankheitsbild, das intensive ärztliche Hilfe erforderlich macht. Bei einem ungebremsten Verlauf der Epidemie werden die Ärzte in wenigen Tagen nur noch den Erstickungstod zahlloser Patienten erleichtern können, da alle Beatmungsgeräte von jüngeren Patienten belegt sind, denen wir dann ein größeres Lebensrecht einräumen müssen, als den Alten.

Der Frankfurter Flughafen am 16. März 2020

Wegen einer Brandkatastrophe bei uns im Ort, bei der kürzlich drei Menschen in den Flammen ums Leben kamen, kommt mir ein schrecklicher Vergleich in den Sinn. Zwar brennen Häuser immer wieder und Menschen kommen dabei ums Leben. Aber es gibt in jeder Gemeinde eine Feuerwehr, die nicht immer Leben retten kann, aber oft. Wenn die rasante Ausbreitung des Virus nicht stark gebremst wird, dann ist dies, als würden alle Häuser der Welt gleichzeitig in Flammen stehen. Da selbst die beste Feuerwehr nicht überall sein kann, müsste wir tatenlos zusehen, wie Hunderttausende von Menschen in Panik um Hilfe schreien, ohne mit einer Leiter oder einem Sprungtuch helfen zu können. Zweifellos würde dies auch unserer Seele als Mitmenschen eine fürchterliche Verwundung zufügen und uns lebenslang traumatisieren.

Warten auf Wasser im Museo de Bogotá

Um solche Szenarien zu verhindern müssen lernen wie ein Virus zu denken! Natürlich kann ein Virus nicht denken, aber wir können es trotzdem überlisten, indem wir uns in es hineinversetzen. Dies klappt am besten, wenn wir davon ausgehen selbst infiziert zu sein, auch wenn wir uns kerngesund fühlen. Denn wir selbst und unser Verhalten sind die schärfsten Waffen, über die das Virus verfügt. Ohne unsere Unterstützung ist es hilflos wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt und mit den Beinen strampelt. Das Virus ist kein Lebewesen, sondern ein lebloses Partikel, das sich ausschließlich durch uns verhält und in uns vermehrt. Wenn das Virus siegt, dann waren wir seine Söldner in dieser Schlacht. Das Virus mag uns genauso wie wir sind, mit allen unseren liebgewonnenen Gewohnheiten und Verhaltensweisen. Auch unsere Familie und unsere Freunde möchte es gern kennenlernen und uns zu jeder Party begleiten. Es dauert Wochen lang diese anhängliche Klette loszuwerden, wenn sie erst einmal an uns Gefallen gefunden hat.

Spaziergang durch Bogotá

Körperzellen, die vom Virus infiziert sind, produzieren Hunderte neuer Partikel. Diese verlassen unseren Körper in winzigen Tröpfchen, wenn wir husten, niesen oder sprechen. Besonders gerne vermehrt sich das Virus in unserem Darm und gelangt auch von dort über unsere Ausscheidungen in großer Anzahl ins Freie. Ein Viruspartikel ist nur einen Zehntausendstel Millimeter groß und hält sich auch in winzigsten Spuren von Speichel, Schleim oder Kot auf der Oberfläche von Gegenständen. Seine Infektiosität bleibt dort stundenlang oder manchmal auch bis zu Tagen erhalten.

Leiden im Stadtmuseum von Bogotá

Wir dürfen also dem Virus keine Chance geben uns zu entkommen und müssen deshalb genau diese Wege versperren. Wie das gelingt, kann jeder selbst erkennen, indem wir uns in das Virus hineinversetzen und seine Tricks durchschauen, mit denen es versucht dem Gefängnis unseres eigenen Körpers zu entkommen. Dazu muss man kein Virologe sein, denn wir alle kennen diese Tricks. Sie sind Teil unseres eigenen Verhaltens.

Kunst aus Geld

Viele Maßnahmen sind hinlänglich bekannt und in ihrer Gesamtheit wirkungsvoll, auch wenn die eine oder andere davon mir nutzlos erscheinen. Gummihandschuhe machen nur Sinn, wenn man sie genau wie die Hände häufig wäscht oder desinfiziert. Sie schützen nämlich die Haut vor Seife und Desinfektionsmitteln, aber nicht vor dem Virus. Das Virus verlässt uns nicht durch die Haut und von der Oberfläche von Handschuhen wird es vielleicht noch leichter auf unsere Mitmenschen übertragen, als von unserer Haut.

Wieder zuhause

Auch Kleinigkeiten haben einen großen Effekt. Allein alle zwei Wochen einkaufen zu gehen, statt zu zweit jeden Tag, das vermindert das Risiko für die anderen mindestens 24-fach. Da die Supermärkte dadurch leerer werden, ist der Effekt vermutlich noch stärker. Auch selbstorganisierte Einkaufsgemeinschaften sind sicher eine gute Idee. Der Fantasie und unserem Verstand sind dabei keine Grenzen gesetzt, wir müssen sie nur benutzen. Denn ihnen hat das Virus am wenigsten entgegenzusetzen.

PS: George Gao, der Generaldirektor des Chinesischen Zentrums für Krankheitskontrolle und Prävention (CDC), sagt in einem Interview mit der renomiertenWissenschaftszeitschrift SCIENCE : The big mistake in the U.S. and Europe, in my opinion, is that people aren’t wearing masks. This virus is transmitted by droplets and close contact. Droplets play a very important role—you’ve got to wear a mask, because when you speak, there are always droplets coming out of your mouth. Many people have asymptomatic or presymptomatic infections. If they are wearing face masks, it can prevent droplets that carry the virus from escaping and infecting others.

Ich kann diesen Punkt nur unterstützen, obwohl ich ihn zunächst ganz anders eingeschätzt hatte.

2 Gedanken zu „Lernen wie ein Virus zu denken!“

  1. Ich fürchte, an diese Masken werde ich mich nie gewöhnen können. Mir beschlägt da immer die Brille. Und da im Nebel sehe ich sie dann sitzen, die Viren! Ich muss also meine Brille loswerden. Wenn ich mir das recht überlege, wäre eine Ganzkopfmaske das beste. Es bliebe mir auch der Anblick meiner gesichtslosen Mitmenschen erspart. An den werde ich mich sicher auch nicht gewöhnen.

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